Liebeserklärungen und Mutterstolz

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Wir haben viele neue Bekanntschaften gemacht, seitdem Tammi geboren wurde. Und man kommt auch an der Supermarktkasse immer mal ins Gespräch, weil Tammi in ihrem Sitz mitten in den Einkäufen alle Blicke auf sich zieht… Das sind natürlich meist oberflächliche Unterhaltungen, aber oft höre ich Dinge wie „Toll, wie Sie das machen. Ich könnte das ja nicht…“ „Ach, für die große Schwester ist das sicher nicht leicht. Die Arme!“ Meist lächle ich nur höflich und beiße mir auf die Zunge, auf Grundsatzdiskussionen hat man mitten im Discounter ja selten Lust.

Aber hier und jetzt schon:

Ich habe mich tatsächlich in den vergangenen zwei Jahren gefragt, ob ICH das kann. Und was, wenn nicht? Was für eine Wahl hat man denn überhaupt? Und ist das dann wirklich besser? Also Augen zu und durch? Im Prinzip schon – „Da wächst man rein, oder?“ Wieder so ein Spruch, den man oft hört. Aber wächst man da rein? Oder ist man schon groß genug, um das zu tragen? Ich für mich kann sagen, dass es eine veränderte Sicht auf die Dinge ist, die mich das „einfach machen“ lässt. Sich vorzustellen, das eigene Kind ist schwerstbehindert durch Komplikationen bei der Geburt ist für die meisten Menschen der Horror. Für mich war es das auch. Aber wenn man „schwerstbehindert“ weg lässt, ist da einfach nur eine zauberhafte Zweijährige, die einem das Herz aufgehen lässt. Die sich im Moment am liebsten mit den Händchen den Brei aus dem Mund holt und betrachtet. Oder sich auf die Seite dreht, um an das Spielzeug zu kommen. Für uns unbezahlbare Augenblicke. Und das gilt es zu sehen. Trotz der vielen Dinge, die anstrengend sind, Sorgen machen und an den Kräften zehren.

Und klar, da gibt es noch eine große Schwester, die sich so wahnsinnig auf die heißersehnte Schwester gefreut hat. Und die dann miterleben muss, dass genau diese heißersehnte kleine Schwester ihre Geburt vielleicht nicht überleben wird. Die große Schwester, die Verabredungen mit der besten Freundin absagen muss, weil ungeplante Arzttermine dazwischenkommen. Die in den Weihnachtsferien zu Hause sitzt, weil Tammi sich den Noro-Virus gefangen hat und alle in Quarantäne bleiben müssen. Und die Tammis ersten Krampfanfall an ihrem 11.Geburtstag mitbekommt, und sich eigentlich gerade auf die Geburtstagsgäste freut. Stattdessen aber dann mit der Sanitäterin den Rettungswagen für ihre Schwester vorbereitet, um etwas Ablenkung zu haben.
„Die Arme?“ Nein, sicher nicht. Selbstbewusst aber. Denn wer auf dem Schulhof bei Bemerkungen wie „Ey Alter, bist du behindert?“ seinen Mund aufmacht und erklärt, wie daneben solche Sätze sind, macht mich einfach nur stolz.